elffünf

by franziskadie

Jö, die Conchita hat gewonnen. Jetzt bekommen wir doch noch unser ach so tolles Event. Du kannst uns gernhaben, Vladimir, die Olympischen Spiele kannst du dir vielleicht erkaufen, aber den Songcontest musst du erstmal verdienen! Nein, jetzt mal im Ernst. Wieso? Ich muss zugeben, den Songcontest habe ich mir nicht angeschaut. Mein Papa hat es mir beim Frühstück erzählt. "Die Wurst hat gewonnen." Keiner so richtig begeistert darüber. Der Kleine fragt, welche Wurst denn was gewonnen hätte. Ob Papa den ortsansässigen Weltmeister-Fleischhauer meint. (Ja, den gibt es wirklich in meinem Kaff.) Nein, eine Mann, ein Frau, ja was denn eigentlich? Meine Eltern tun sich beide etwas schwer damit die Conchita zu labeln. Ich habe beschlossen sie voll und ganz als Frau ernst zu Nehmen. Ihre Sexualität geht mich ja schließlich nichts an und ist mir eigentlich auch Wurst. (Ha. Ha. Ha.)
Aber die eigentliche Frage war ja: Wieso? Ich persönlich kann diesen Songcontest nicht ernst nehmen. Es ging nicht darum, welches Land am Besten war, sondern welches Land der Conchita die höchste Toleranz entgegenbringen kann. Man stelle sich vor: Conchita singt ihr Lied und alle sind begeistert, weil Mut zum Anderssein, die Transgender aus aller Welt sind zu Tränen gerührt und ein Land gibt zwei Punkte. (Ich nehme an es gibt zwölf Gesamtpunkte? Ich habe wirklich noch nie in meinem Leben einen Songcontest gesehen, es tut mir leid. Ich weiß nicht einmal, ob man den Songcontest zusammen schreibt.) Empörung. Diese konservativen Arschlöcher! (Pardon.) Die Meute ist in Rage, ganz Alternativ-Europa hat einen gemeinsamen Dorn im Auge. Es wird ein neuer Staat mit einer regenbogenfarbenen Flagge gegründet und ein Anschlag auf Vladimir Putin verübt. Der ist immer Schuld, wenn es um Menschen geht, die "anders" sind. Muss ja nicht sein, oder? Es muss wirklich schwer gewesen sein, Österreich zu beurteilen. Hätte man mir gesagt, dass ich Conchita Wurst vor aller Welt eine beliebige Anzahl an Punkten für ihr Lied geben muss hätte ich einen auf Edward Snowden gemacht. Aber es interessiert sich zum Glück niemand für meine Meinung und ich muss nicht den Vladimir um Asyl anbetteln. Aber hier kann ich es ja zugeben: Soooo gut war die Wurst nicht. Meiner Meinung nach. Gute Stimme, aber ich kann diese Art von Lied (Ist es eine Ballade?) nur leiden, wenn die Stimme mir Gänsehaut verursacht. Erinnert sehr an James Bond, aber ich als Bond-Süchtige kann euch sagen: Dieses Lied hätte niemals das Zeug dazu, Titellied eines Bond-Filmes zu werden. Aber James Bond wurde sowieso kaputt gemacht und wird bald sterben. (Danke, Sam Mendes, ich hoffe dein Handy fällt dir ins Klo.)
Die Briten waren ganz fetzig. Bisschen Off-Beat, aber nette Botschaft und ein eher besserer Klang. Nicht so ein 0815-Wannabe-Guetta-Mist. Der Beitrag von Armenien war auch nicht so schlecht. Dubstep-Violine à la Lindsey Stirling und ein Sänger mit einer rauen Stimme. Lettland hat ein paar liebe Hippies ins Rennen geschickt, die sicher nicht nur Cakes baken. Oder caken sie Bakes? Estland hat wohl missverstanden, worum es bei dem Songcontest geht. Nein, es ist kein Tanzwettbewerb mit Begleitmusik. Bitte merkt euch das.
Die Schwedin sah aus als würde sie Playback singen. Außerdem hat sie wohl das gleiche Syndrom wie Germanys Next Topmodel Kandidatin Nathalie, sie kann ihre rechte Augenbraue einfach nicht ruhig halten. Island war wiederum ganz ok, eine Mischung aus Funk, Pop und Indie mit einer knalligen Bühne. Way to go, Island. Aber sie hätten sich ruhig mehr trauen können und das ganze nicht so mainstreampopmäßig aufziehen müssen. Mehr Funk hätte dieser Bühne wirklich gut getan. Aber auch wieder eine nette Botschaft und die bunten Anzüge haben das gut unterstrichen.
Albanien und Russland kann ich nicht unterscheiden. Langweilig. Wo sind die Alexander Rybaks dieser Welt? Ein bisschen Schwung, ein Talent und ein süßes Gesicht, mehr braucht man nicht. Man sieht ja, dass die Gewinner sich immer von den anderen Teilnehmern abgehoben haben, wieso kommen die meisten Länder dann trotzdem mit Beiträgen, die alle gleich klingen? Erklär mir das mal wer.
Aserbaidschan kann man in den großen Topf der uninteressanten Balladen werfen. Gähn. Gut, dass du einen Bart hast, Conchita, sonst hätte ich dich ebenfalls mit den anderen zusammengemantscht. "Tick-Tock?" Dein Ernst, Ukraine? Sind wir wohl etwas einfallslos geworden. Klingen tut es aufjedenfall nicht besonders, das einzige Erheiternde war der Stolperer des Background-Performers. Wieso hat jede Sängerin/jeder Sänger übrigens eine oder einen Backgroundperformer/in? Sollten die Augen nicht auf den Star des Liedes gerichtet sein? Warscheinlich haben sie selber geschnallt, dass die Darbietung alleine schnarchlangweilig ist. Der Belgier gefällt mir aber richtig gut. Nicht vom gesanglichen Angebot, das war so naja. Aber die Message. Mother. Das ist gut. Und er selbst. Wie Samwell Tarly, Bruder der Nachtwache aus dem "Lied von Eis und Feuer". Ein knuffiger, lieber Teddybär. Süß. Am Gesang kann er aber trotzdem noch arbeiten.
Oh, schon wieder eine Dubstep-Violine und eine verruchte Stimme. So ein Zufall. Hast du toll gemacht, Moldawien. Einzigartig. San Marinos Lied erinnert sehr an das von Conchita gemixt mit einem Schlager. Die Sängerin hatte aber leider keinen Bart. Blöd gelaufen. Die beißen sich jetzt sicher in den Hintern. Die Portugiesen bringen nach "Ai Se Eu Te Pego" einen neuen Gute-Laune-Hit. Mir kommt es vor, als hätte ich dieses Lied schon hundertmal gehört. Nächstes mal soll die gute Frau ihre Brüste ganz auspacken, dann gibt es wenigstens etwas Spannendes zum diskutieren.
Die Niederlande bringen zwei Indie-Folk-Hipster, eine langsamere Version der "Mumford and Sons". Ja, gefällt mir. Und Respekt vor dem Akzent, sind das wirklich Niederländer? Wie auch immer, für mich ist das Gewinnerpotential und es gefällt mir sehr, dass sie sich gegenseitig ansingen. Sie sollen die Musik schließlich für sich machen und nicht für jemanden Anderen. Aus Montenegros Beitrag verstehe ich natürlich kein Wort, klingt aber wie ein Heimatlied. Ja, ok, das ist lieb, aber gewinnen kann man damit nicht. Aber: Warum singt sonst fast niemand in seiner oder ihrer Muttersprache? Der Text ist bei den Meisten sowieso Nebensache und darum geht es doch beim Songcontest: Wir sind zwar alle anders, aber trotzdem eine Gemeinschaft! Mehr oder weniger. Stopp, ist das Ricky Martin? Das ist das Einzige, woran ich während dem ungarischen Lied denken konnte. Ricky Martin 2.0 ohne sexy Hüftschwung und Blasmusik im Hintergrund.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass mich kein Beitrag umgehauen hat. Nein, ich bin in keiner Position, in der ich Schlechtes über irgendeinen Teilnehmer sagen kann. Ich kann weder singen, noch tanzen, noch habe ich einen Bart. Aber hey, ich tu's trotzdem. Denn ich bin eine waschechte Österreicherin und leide demnach an dem Suderantensyndrom. Soll heißen ich beschwere mich automatisch über alles und jeden. Niemand kann so schlecht von etwas reden, wie ein/e Österreicher/in.
Abschließend möchte ich allen Menschen, die Europa und vor allem Österreich jetzt für supertolerant halten noch Eines sagen: Die sind nicht tolerant, die sind lediglich zu feig, das zuzugeben. Punkt. Mahlzeit.